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Kommentar

Wettbewerb mit China - Deutschland muss fürs autonome Fahren noch mehr tun

Um mit China effektiv umgehen zu können, muss Deutschland sich selbst stärken. Nur so kann die Bundesrepublik langfristig Augenhöhe bewahren.

Handelsblatt.com vom 09.07.2018 18:00:00 Uhr

Die Chinesen bewundern die Deutschen. Made in Germany gilt als Gütesiegel für Qualität und Innovation. Ob nun bei Autos und Maschinen oder in der Rechtsprechung und – bis vor Kurzem – beim Fußball. Und Nachahmung, so besagt ein englisches Sprichwort, ist die aufrichtigste Form der Schmeichelei.

Die Autoren der viel zitierten Blaupause “Made in China 2025” haben sich offensichtlich von “Industrie 4.0” inspirieren lassen. Viele der Gebiete, in denen Peking aufholen und schließlich auch dominieren will, sind Stärken der Maschinenbauer-Nation Deutschland.

Chinas Plan, seine Industrie zu modernisieren, schafft viele Chance, aber auch Herausforderungen für deutsche Unternehmen. Kurzfristig lockt der Profit. Die chinesischen Firmen sind erpicht auf deutsche Technologie und bereit, viel Geld auszugeben, um Waren einzukaufen oder Unternehmen aufzukaufen.

Deutschland ist in vielen Bereichen, die China wichtig sind und wo es besser werden will, Weltmarktführer. Deshalb behandelt Peking Berlin mit viel Respekt und lobt Deutschland als besonderen Partner in Europa. Die Deutschen sind also in einer Position der Stärke. Und mit diesem Bewusstsein sollte man verhandeln und für die Zukunft planen.

Wichtig ist der gleichberechtigte Datenzugang

Die gemeinsame Absichtserklärung zum vernetzten und autonomen Fahren ist der richtige Ansatz, faire Wettbewerbsbedingungen zu schaffen. Es ist wichtig, dass man von vornherein bei einer so wichtigen Zukunftstechnologie einen gleichberechtigten Datenzugang für chinesische und deutsche Autobauer zugleich festgelegt hat.

Berlin tut gut daran, in Sachen Cybersicherheitsgesetz, unfreiwilligem Technologietransfer und beschränktem Marktzugang auf Verbesserung zu pochen.

Aber Deutschland muss noch mehr tun, um auch künftig mit China auf Augenhöhe zu bleiben. Denn wenn deutsche Firmen mit chinesischen zum Wettbewerb antreten, ob nun beim vernetzten Fahren, bei Hochgeschwindigkeitszügen oder in der Robotik, dann messen sie sich nicht nur mit anderen Unternehmen, sondern mit einem mächtigen Staat.

CATL musste nicht aus eigener Kraft zum weltweit größten Batteriezellenhersteller werden. Der Wind in seinen Segeln ist Peking, das nur Elektroautos mit chinesischen Batterien subventionierte. Während in Deutschland einzelne Gemeinden und Autobauer Pilotprojekte zum autonomen und vernetzten Fahren starten, hat China schon längst eine Vision und einen dazu passenden Plan entwickelt, damit alle wichtigen Unternehmen und Entscheidungsträger gemeinsam daran arbeiten können.

Wenn Deutschland also Parität beim Wettbewerb haben will, sollte es darauf achten, dass es nicht nur die gleichen Bedingungen fordert, sondern auch die gleichen Voraussetzungen schafft.

Im Falle des vernetzten Fahrens, so sagte der Geschäftsführer eines deutschen Autobauers, gehöre dazu, dass Berlin endlich ein flächendeckendes Mobilfunknetz zur Verfügung stellt und 5G einführt – “und nicht erst, nachdem es China getan hat”.

Deutschland kann von China lernen

Apropos Infrastruktur: Um Elektromobilität zu Hause zu fördern, sollte Deutschland endlich in ein Netzwerk von Schnellladesäulen investieren. Peking kündigte vergangenen Winter an, bis 2020 4,8 Millionen Ladepunkte im gesamten Land bauen zu wollen.

Nach Merkels China-Besuch im Mai schrieb der deutsche Botschafter Michael Clauss in einem Artikel für die “FT China”, dass Europa von China lernen könne. Nämlich, wie man sich dynamisch weiterentwickelt. “Die chinesische Führung hat eine konsequente und kohärente Strategie verfolgt, um die einheimische Innovation in Schlüsselgebieten zu fördern – durch Fonds, Begünstigungen und ein geschäftsfreundliches Umfeld,” schrieb er.

Diesen Satz kann man weiterdenken und als Aufruf verstehen, eine europäische Industriepolitik zu entwickeln. Die Idee, dass der Staat eingreift oder sich zu eng mit der Wirtschaft verflechtet, ist vielen unangenehm.

Man tut lieber so, als herrsche überall freier Wettbewerb und müsse der Staat keinem Unternehmen, keinem Sektor, keiner Industrie jemals helfend zur Seite stehen. Dabei ist die soeben unterzeichnete Absichtserklärung eigentlich genau das.

Im Vorfeld hieß es aus Regierungskreisen, dass die deutsche Autoindustrie darauf gedrängt hätte. Und weil VW und Co. wichtig für die deutsche Wirtschaft sind und den Erhalt vieler Arbeitsplätze in Deutschland sichern, war die Absichtserklärung somit auch Top-Priorität der Bundesregierung. Doch wenn man es schon praktiziert, warum dann nicht “konsequent und kohärent” und im Verbund mit Europa?

Neben einer defensiven Strategie wie dem Investment-Screening und dem Schutz kritischer Infrastruktur sollte man auch eine offensive, positive verfolgen. Konkret bedeutet das, sich zu überlegen, welche eigenen Kernindustrien man für den internationalen Wettbewerb fördern und stärken möchte.

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