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Tech-Biotop

Man könnte von Strukturwandel sprechen. Doch das klingt zu gemütlich. Was im südchinesischen Dongguan passiert, haut einen schlicht von den Socken, meint Frank Sieren.

Lange war die knapp zehn Millionen Menschen zählende Stadt das hässliche Entlein zwischen Guangzhou, der stolzen Hauptstadt der boomenden Südprovinz Guangdong und Shenzhen, der Grenzstadt zu Hongkong, einer Mischung aus Miami und Silicon Valley.

Dabei war Dongguan einer Vorreiter der Öffnungspolitik, die vor fast genau vierzig Jahren von Deng Xiaoping initiiert wurde. Im September 1978 nahm die erste Fabrik einen Auftrag aus dem Ausland an. Ein Hongkonger ließ Handtaschen herstellen.
Dongguan wurde bald nicht nur zur Fabrik Chinas sondern zog auch alle negativen Entwicklungen an, die mit dieser Form von Ausbeutung einhergehen.
Vor einigen Jahren war das Maß dann voll: Die Stadt wurde mit aller Härte saniert.

Eines dieser Sanierungszentren liegt um den Huayang See. Lange war das eine dunkelbraune, sämige Kloake in die jeder seinen Müll geworfen hat. Doch dann wurden über 112 umweltverpestende Fabriken geschlossen, der Schlamm so tief es ging ausgebaggert.
Heute, vier Jahre später, ist der See ein Biotop, mit blühenden Ufern, die aussehen, als seien sie immer schon da gewesen. Drohnen wachen Tag und Nacht über das neue ökologische Gleichgewicht.

Um einen anderen See in der Nähe, den Songshan See sind Büros für Startups entstanden, Wohnungen für Entwickler, die vom Staat subventioniert werden, aber auch moderne Villen. Die parkartigen Grünstreifen sind viel breiter als die Straßen selbst.
„Ich werde inzwischen auch daran gemessen, wie viele seltene Vögel sich bei uns ansiedeln“, sagt Yang Xiaotang. Er ist Mitglied des mächtigen ständigen Ausschusses der KP von Dongguan und für die Investitionen in der Stadt zuständig.

Die Mühe hat sich gelohnt: Dongguan ist kürzlich in den Reigen der 15 neuen chinesischen Städte “ersten Ranges” aufgestiegen. Sie folgen Peking, Schanghai, Guangzhou und Shenzhen. Die Rangfolge wird anhand der Kaufkraft und der Lebensqualität ermittelt. Gleichzeitig wurde die Stadt vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen als „internationale Gartenstadt“ ausgezeichnet. Und dass obwohl noch immer jedes fünfte Smartphone der Welt in Dongguan produziert wird.

Das Geheimnis: Die Fabriken wurden nicht etwa abgeschafft sondern nur hochgradig automatisiert: Roboter statt Wanderarbeiter. Führende chinesische Smartphone-Hersteller wie Vivo und Oppo haben in Dongguan ihre Zentrale. Der größte Coup war jedoch die Entscheidung von Huawei-Chef Ren Zhengfei an den Ufern des Songshan-Sees für 1,3 Milliarden US-Dollar eine Huawei-Zentrale für Fertigprodukte aufzubauen. Der Hauptsitz liegt eine Stunde südlich in Shenzhen. Ren hat dafür besonders schöne Gebäude aus 12 Ländern Europas in Originalgröße nachgebaut. Den Oxford-Campus ebenso wie die Altstadt von Heidelberg. Rund 24.000 Menschen werden dort arbeiten. Die ersten sind schon eingezogen.

Von einem solchen Willen zum Turnaround in so kurzer Zeit können wir im Westen nur noch träumen. Uns fehlt einfach der Mut dazu.





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