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Kolumne der Woche

Mehr Eigenständigkeit

Tokio und Peking nähern sich an. Die Asiaten lösen ihre Konflikte immer öfter ohne den Westen, meint Frank Sieren.

Das ist schon erstaunlich in diesen Zeiten und dann auch wieder nicht: Japan und China sind dabei, ihre weit über ein Jahrhundert andauernden Feindseligkeiten Stück für Stück beiseite zu schieben. Noch vor fünf Jahren war Japans Premier Shinzo Abe in Peking eine „unerwünschte Person.“ Nun ist er am vergangenen Wochenende zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt vor sieben Jahren nach Peking gereist, trotz der vielen Unstimmigkeiten, zum Beispiel in der Frage, wem welche Inseln im Südchinesischen Meer gehören oder wie man damit umgehen soll, dass Japan China im 2. Weltkrieg brutal überfallen hat. Das ist der erstaunliche Teil.

Nicht erstaunlich ist dagegen, dass das jetzt passiert. Denn Abe fühlt sich von seinen Verbündeten in Washington im Stich gelassen. Er hat nicht vergessen, wie brüsk Trump vor rund zwei Jahren in einer seiner ersten Amtshandlungen das pazifische Freihandelsabkommen TPP beerdigte. Das Abkommen sollte viele asiatische Länder, darunter Japan und Südkorea, in einer riesigen Freihandelszone mit den USA vereinen.

Gleichzeitig setzt Trump Peking mit seinem Handelsstreit unter Druck. Damit wird es einfacher, dass die beiden asiatischen Kontrahenten nun enger zusammenrücken. Das dürfte Trump eigentlich nicht gefallen, ist ihm aber wahrscheinlich egal.

Dennoch ist es eine wichtige Entwicklung für Asien: Ein Stück mehr Eigenständigkeit entsteht. Die Asiaten neigen immer mehr dazu, ihre Konflikte ohne westliche Hilfe zu lösen. Das fällt ihnen, seit Donald Trump im Amt ist, noch leichter. „Es ist ein Meilenstein, der signalisiert, dass die Beziehungen zwischen China und Japan auf den richtigen Weg zurückkehren”, schrieb etwa die Parteizeitung Global Times, die sonst in ihren Leitartikeln meist nur scharfe Kritik für das Nachbarland übrig hat. Der bedankte sich indem er „von einem historischen Wendepunkt“ für die Beziehungen beider Länder sprach. Auch Staatspräsident Xi bezeichnete den Besuch als neue „historische Richtung“ während weltweit „Instabilität und Unsicherheit“ größer würden. Die beiden größten asiatischen Volkswirtschaften wollen nun enger zusammenarbeiten, nachdem China Japan bereits 2010 wirtschaftlich überholt hat. Rund 500 Abkommen im Wert von 2,3 Milliarden US-Dollar wurden unterschrieben. Wichtiger jedoch: Die beiden Länder tauschen Yen und Yuan im Wert von 30 Milliarden US-Dollar. Das verringert die Abhängigkeit vom US-Dollar – ein klares politisches Zeichen. Beide wollen zudem die Aggressionen gegeneinander runterfahren und militärisch mehr kooperieren.

Das ist Grund zur Zuversicht, wenn auch kein Grund zur Euphorie. Schon im Oktober 2006 reiste Abe nach den großen antijapanischen Demonstrationen nach Peking und schon damals wurde von beiden Seiten von einem Wendepunkt gesprochen. Doch dann bekamen sich Peking und Tokio wieder in die Wolle. Diesmal sind die globalen Rahmenbedingungen viel günstiger – auch wenn die Differenzen nicht vom Tisch sind. Immerhin sprechen Peking und Tokio nun vor allem von den Gemeinsamkeiten und lassen den Rest erstmal beiseite. Europa sollte diese Entwicklung unterstützen.
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