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Kolumne: Sieren Süß-Sauer

Kaufrausch

Deutschlands Wirtschaft hängt am chinesischen Konsum – mit allen Vor- und Nachteilen, meint Frank Sieren.

Jedes Jahr aufs Neue: Auch 2018 wurden beim „Singles Day”, Chinas Mega-Shopping-Tag, wieder Rekorde gebrochen. Eigentlich ist der alljährliche Online-Kaufrausch kaum noch der Rede wert. Würden sich nicht hartnäckig die Gerüchte halten, dass Chinas Wirtschaft einbricht, weil die Konsumenten verunsichert seien. Das mag höchstens im Automarkt der Fall sein, weil Schattenbanken geschlossen wurden und die Kunden erst einmal abwarten, wie sich der E-Automarkt entwickelt. Da häufen sich die Gewinnwarnungen der deutschen Autohersteller, denn von kaum etwas ist Deutschland so abhängig, wie von der guten Laune der chinesischen Konsumenten.

Insofern ist es eine gute Nachricht, dass sich der chinesische Konsum trotz aller Sorgen auf hohem Niveau bewegt. Die Einzelhandelsverkäufe sind in der ersten drei Quartalen dieses Jahres nicht mehr zweistellig gewachsen wie im vergangenen Jahr, aber immerhin noch mit 9,3 Prozent.

Dass man dennoch nicht von einer Krise sprechen kann, zeigt der „Singles Day”: Aus freien Stücken haben die chinesischen Konsumenten am vergangenen Sonntag Sonderangebote im Wert von über 30 Milliarden Dollar eingekauft. Das sind 27 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. Allein in den ersten 30 Minuten haben die 30 größten Marken, darunter Nike, Adidas, Apple oder Huawei, Waren im Wert von über 100 Millionen Yuan umgesetzt, das entspricht knapp 13 Millionen Euro. 3700 Special-Edition-Lippenstifte der Kosmetikmarke MAC waren in einer Sekunde ausverkauft.

Man mag diesen Konsumrausch kritisieren oder für Wahnsinn halten. Verunsicherte Konsumenten jedenfalls sehen anders aus. Der Höhepunkt dieses Rausches ist noch lange nicht erreicht: Noch nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung gehört der kaufkräftigen Mittelschicht an. Die Chinesen erwirtschaften pro Kopf erst rund 9000 Dollar. In den USA hingegen liegt das BIP pro Kopf bei knapp 60.000 Dollar. Die Chinesen haben etwa zwanzig Jahre gebraucht, um den Pro-Kopf-Wert zu verzehnfachen und wahrscheinlich wird sich diese Geschwindigkeit nicht halten lassen. Aber es spricht kaum etwas dagegen, dass die Chinesen den gleichen Wert wie die Amerikaner erreichen werden.

Nun könnte man einwenden, der Konsum geschehe auf Pump und sei somit gefährlich für die Stabilität Chinas. Tatsächlich ist das Kreditvolumen allein zwischen 2015 und 2017 um 60 Prozent angewachsen. Allerdings machen die Konsumentenkredite, inklusive der für Immobilien, erst 38 Prozent des BIP aus. In den USA ist der Wert doppelt so hoch. Da ist also noch Luft, selbst wenn es nicht das Ziel sein kann, die Verschuldungsquote der USA zu erreichen.

Eigentlich sollten wir uns viel größere Sorgen darüber machen, was passiert, wenn die Chinesen zu viel konsumieren, als wenn sie zu wenig kaufen. Denn wir wissen nicht, ob die Natur das überhaupt aushalten kann. Unsere Ressourcen sind jedenfalls begrenzt. Deshalb sollten wir China eigentlich helfen, ein nachhaltigeres Wachstum zu finden und unsere Wirtschaft entsprechend umbauen. Denn eines ist klar: Wir werden von den Chinesen nicht erwarten können, dass sie sich einschränken, während wir so weitermachen wie bisher.
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