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Absatzrückgang

Handelskonflikt mit den USA belastet Chinas Automarkt schwer

Den dritten Monat in Folge gehen die Autoverkaufszahlen in China zurück. Der Zollstreit mit den USA verunsichert wohl die Kunden. Doch es gibt noch weitere Gründe.

Handelsblatt.com vom 10.09.2018 19:16:53 Uhr

Volkswagen, das wissen Analysten, gibt es eigentlich zweimal. Einmal mit und einmal ohne China. 24 Konzernstandorte gibt es mittlerweile in der Volksrepublik, das sind fast so viele wie in Deutschland. Etwa 40 Prozent der von Volkswagen und seinen Tochtermarken weltweit pro Jahr verkauften elf Millionen Fahrzeuge gehen heute an chinesische Kunden.

China ist nicht nur beim Fahrzeugabsatz zum wichtigsten Markt aufgestiegen, auch auf die Erträge aus der Volksrepublik möchte in der VW-Zentrale niemand mehr verzichten. Jährlich fließen etwa drei Milliarden Euro aus China auf die Volkswagen-Konten.

Doch die 30-jährige Erfolgsbilanz in China könnte ihrem Ende zugehen. Die hohen Wachstumsraten, lange Zeit sogar zweistellig, erreicht auf dem chinesischen Automarkt kein Hersteller mehr. China gleicht sich immer mehr westlichen Industrieländern an, lautet die nüchterne Erkenntnis. Und zu der Wachstumsschwäche kommt nun noch ein schwelender Handelsstreit mit den USA, der immer mehr auf die Stimmung der Verbraucher drückt.

Das Resultat ist schmerzhaft für die Branche: Die Autokäufer in China sind vorsichtig geworden. Angesichts steigender Preise werden Käufe aufgeschoben. An den am Montag veröffentlichen August-Zahlen ist diese Entwicklung ablesbar: Der Autoabsatz ist im dritten Monat in Folge im Vergleich zur Vorjahresperiode zurückgegangen. Die Zahl der verkauften Autos sank im August um 7,4 Prozent auf 1,76 Millionen Stück, wie der Branchenverband China Passenger Car Association (CPCA) mitteilte.

Damit hat sich der Rückgang sogar noch etwas beschleunigt. Schon im Juli war der Absatz um 5,4 Prozent geringer als im Vorjahresmonat ausgefallen, bereits im Juni hatte der Rückgang 3,7 Prozent betragen. Jetzt ist die Sorge in der Branche groß, dass sich diese Negativentwicklung in den restlichen Monaten des Jahres weiter beschleunigt.

“Auf dem chinesischen Automarkt naht der Winter”, sagte Cui Dongshu, Generalsekretär des Branchenverbandes CPCA. Bis zum Jahresende könnte es vor allem bei den wichtigen Geländewagen (SUV) noch schneller bergab gehen. Im August sind die SUV-Verkaufszahlen stärker als der Markt gefallen, nämlich um 8,5 Prozent.

Die Geländewagen sind um einiges ertragsstärker als ein normaler Pkw – kein Hersteller kann deshalb auf die SUVs verzichten. Bei anhaltender wirtschaftlicher Unsicherheit, angefacht durch die Diskussion um Zölle und Importe, könnten sich die Chinesen von den SUVs abwenden und verstärkt auf kleinere Autos umsteigen.

Cui Dongshu meinte zudem, dass Autokäufern aufgrund steigender Mieten weniger Einkommen zur Verfügung steht. Im Juli waren die Mieten in 50 chinesischen Großstädten um durchschnittlich 17 Prozent höher als im Vorjahr, ein Alarmsignal für die gesamte Volkswirtschaft.

Rabatte in Höhe von 27 Prozent

Einzelne Autohersteller reagieren bereits mit außergewöhnlichen Schritten auf die veränderte Situation. Das Unternehmen Great Wall Motor, größter SUV-Produzent in der Volksrepublik, hat für seine wichtigsten Modelle Preisnachlässe von bis zu 27 Prozent verkündet, die die Händler mindestens bis Oktober an die Kunden weiterreichen sollen.

Rabatte in dieser Größenordnung sind für China etwas Neues – auf einem permanent wachsenden Automarkt waren Nachlässe bislang nicht nötig. Great Wall will damit auch in Zeiten des Handelsstreits mit den USA Verkaufs- und Produktionszahlen hochhalten, zur Not auch auf Kosten der Erträge.

Jüngste Zolländerungen hatten bei chinesischen Autokunden in den vergangenen Wochen für größere Verwirrung gesorgt. Anfang Juli hatte die Regierung in Peking die Zölle auf Importfahrzeuge von 25 auf 15 Prozent gesenkt. Doch nur wenige Tage später ging es in die andere Richtung: Für Autos, die aus den USA nach China eingeführt werden, galt plötzlich ein Importzoll von 40 Prozent.

Davon sind auch die beiden deutschen Hersteller Daimler und BMW betroffen: Sie produzieren in eigenen Werken in den US-Südstaaten vor allem SUVs, die dann wiederum auch nach China geliefert werden.

Volkswagen profitiert bis heute davon, dass der Konzern schon sehr früh nach China gegangen ist, nämlich vor rund 30 Jahren. Mit einem Marktanteil von etwa 15 Prozent sind die Wolfsburger bis heute der unangefochtene Marktführer in der Volksrepublik. Doch die aktuelle Marktschwäche ist auch an der Nummer eins auf dem chinesischen Markt nicht spurlos vorübergegangen.

Daimler-Gewinnwarnung “maßgeblich” wegen Handelsstreit

Im Juli hatte die Marke VW in China knapp 224.000 Autos verkauft, was ein Minus von 2,4 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat bedeutete. Im Juni waren es etwa 228.000 Fahrzeuge, ein Rückgang von 1,7 Prozent. Wie aus Wolfsburger Konzernkreisen verlautete, hat sich die Abwärtsentwicklung auch im August fortgesetzt. Details will der Konzern am Mittwoch bekanntgeben, dann werden die weltweiten Verkaufszahlen der Marke VW veröffentlicht, die Ergebnisse aus China eingeschlossen.

Der Stuttgarter Auto- und Lastwagenhersteller Daimler wächst in China zwar nach wie vor. Binnen der ersten acht Monate verkauften die Schwaben mehr als 446.000 Fahrzeuge in Fernost. Aber das Wachstum schwächt sich zunehmend ab. Während der Mercedes-Hersteller im Juni noch über ein Absatzplus von 13,7 Prozent jubelte, fiel der Zuwachs im August mit 5,5 Prozent bereits deutlich schwächer aus. Alarmierend ist aber eine andere Entwicklung: Der Bruttogewinn von Daimler in China gibt offenbar nach.

Bereits Ende Juni begründete Daimler eine Gewinnwarnung “maßgeblich” mit dem Handelsstreit zwischen den USA und China. “Dieser negative Einfluss auf unsere Deckungsbeiträge wird sich so lange nicht ändern, solange die Zölle bestehen und wir keine andere Möglichkeit finden, das Land zu beliefern”, räumte Daimler-Chef Dieter Zetsche ein. Sein Konzern stecke in einem “Schlamassel”.

Auch bei anderen Autoherstellern geht es rückwärts mit dem Chinageschäft. Für das zweite Quartal des laufenden Jahres hatte General Motors (GM) ein Minus von 0,7 Prozent bekanntgegeben und dafür eine “Marktabschwächung” verantwortlich gemacht. Extrem schlecht ist der August für den US-Konkurrenten Ford verlaufen: Der zweitgrößte amerikanische Autokonzern verbuchte in China einen Rückgang von 36 Prozent bei den Verkaufszahlen.

Für Experten ist nicht nur der Handelsstreit zwischen den USA und China verantwortlich für die Absatzschwäche auf dem chinesischen Markt. “Die sieben fetten Jahre in der Autoindustrie sind erst einmal vorbei. Der Absatzrückgang in China ist nun ein weiteres Anzeichen dafür, dass jetzt sieben magere Jahre für die Fahrzeughersteller anstehen könnten”, sagte Stefan Bratzel, Professor am Center of Automotive Management (CAM).

Deutsche Hersteller gelten als verwundbar

Der chinesische Automarkt komme jetzt in eine reifere Phase. Chinesische Hersteller würden immer stärker – bei der Qualität ebenso wie bei Innovationen. Um Marktanteile zu gewinnen, würden chinesische Hersteller nun erstmals Rabattstrategien einführen, der Preisdruck steige damit.

Die Autobauer müssten darauf gefasst sein, dass die bislang gewohnte Entwicklung mit Jahr für Jahr immer höheren Wachstumsraten nicht ewig anhalten könne. Die deutschen Autohersteller seien sehr verwundbar, weil sie in China so stark vertreten sind. “Alles, was in diesem Markt passiert, wirkt sich direkt auf die Konzerne aus – positiv wie negativ”, so Bratzel weiter. Bei Volumenmarken wie VW, deren Kunden eher preissensibel sind, wirkten sich Markteintrübungen stärker aus. Bei den Premiumherstellern Daimler und BMW sei dieser Effekt nicht ganz so stark ausgeprägt.

Im vergangenen Jahr hatte der Staat den Autoabsatz noch zusätzlich mit Steuererleichterungen angekurbelt. “Die diesjährigen Verkaufszahlen vom Juli und August sind also nicht zu tief, sondern die Zahlen von 2017 waren zu hoch”, sagte John Zeng, der für die Marktforschungsfirma LMC Automotive die China-Abteilung leitet.

Schon wird darüber spekuliert, dass die chinesische Regierung doch wieder Steuererleichterungen einführen könnte, um die Verkaufszahlen anzuschieben. Andernfalls müssten die ersten Hersteller schon in diesem Monat damit beginnen, ihre Produktionspläne zusammenzustreichen.

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