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Kommentar

Das Chinabild in der Wirtschaft wandelt sich - vielleicht noch zur rechten Zeit

Über Jahre kannte die China-Euphorie in der Wirtschaft keine Grenzen. Viele gravierende Probleme wurden ignoriert. Doch endlich setzt ein Umdenken ein.

Handelsblatt.com vom 10.01.2019 19:36:56 Uhr

Das Wachstum einiger deutscher Industriebranchen findet in erster Linie in China statt. Gäbe es die steigende Nachfrage der chinesischen Mittelschicht nicht, sähe es für die deutschen Autokonzerne schlecht aus. Chemieindustrie und Maschinenbauer, Mittelständler wie Dax-Konzerne haben jahrelang massiv in China investiert und verbuchen dort zum Teil satte Gewinne.

Umgekehrt zieht es mehr und mehr Chinesen nach Deutschland. Sie überschütten Unternehmen mit Geld, winken mit der Aussicht auf noch besseren Zugang zum riesigen chinesischen Markt. Die deutsch-chinesische Wirtschaftspartnerschaft wird seit Jahren als Erfolgsmodell gepriesen.

Doch der schöne Schein trügt. Dieser Erkenntnis trägt der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) nun Rechnung. Er stellt eine Reihe kritischer Fragen zum Thema China. Das ist neu.

Der Spitzenverband begibt sich mit seinem Vorstoß auf unsicheres Terrain. Das Bekenntnis zu freien Märkten gehört zur DNA des BDI. Die Not muss also groß sein, wenn die Industrie staatliche Regulierung zum Schutz vor Investoren einfordert; bislang hat die Wirtschaft aus Angst vor unfreundlichen Reaktionen der Chinesen gekuscht und die Fahne des Freihandels ohne Wenn und Aber hochgehalten. Das war konsequent, aber naiv und somit falsch.

Nun kommt das große Umdenken – vielleicht noch zur rechten Zeit.

Über Jahre kannte die Euphorie in der Wirtschaft keine Grenzen. Es gab Unternehmenslenker, die so berauscht waren von den Wachstums- und Gewinnaussichten, die sich im Reich der Mitte auftaten, dass sie gravierende Probleme nicht sehen wollten. Viele Manager nehmen noch immer billigend in Kauf, dass sie in China zum Know-how-Transfer gezwungen werden und chinesische Partner an ihrem Unternehmen beteiligen müssen. Sie lassen sich mitunter von Parteikadern gängeln oder müssen den Diebstahl geistigen Eigentums hinnehmen.

Seit Jahren gelobt die chinesische Staats- und Parteiführung Besserung. Tatsächlich vollzieht sich der Wandel zu einer offenen Volkswirtschaft in sehr kleinen Schritten. Die Ankündigungen der chinesischen Seite vermögen daher nicht mehr zu verfangen.

Die Argumentation der chinesischen Führung ist mitunter scheinheilig. China ist mittlerweile eine Wirtschaftsmacht mit globalem Führungsanspruch. In einigen Technologiefeldern liegen chinesische Unternehmen gleichauf mit ihren europäischen und amerikanischen Konkurrenten. In einzelnen Feldern setzen sie bereits zum Überholen an. Zugleich reklamieren die Chinesen aber noch den Status eines Schwellenlandes für sich.

Es geht hier nicht um ein harmloses Geplänkel zwischen der EU, speziell Deutschland, und China. Es geht vielmehr um die Verteilung von Wachstum und Wohlstand in den nächsten Jahrzehnten. China arbeitet mit größtem Ehrgeiz und immensen Mitteln daran, die Technologieführerschaft in sämtlichen industriellen Schlüsselbranchen zu bekommen. Dabei kämpfen die Chinesen mit harten Bandagen.

Mit aller Macht suchen chinesische Unternehmen nach Investitionsmöglichkeiten in Europa, vorzugsweise in Deutschland und vorzugsweise in Hightech-Branchen. Die Eigentümerstrukturen der chinesischen Unternehmen sind mitunter unklar. In vielen Fällen drängt sich der Eindruck auf, dass sie dabei helfen, eine staatliche Strategie umzusetzen.

Über Jahre wurden den Chinesen kaum kritische Fragen gestellt. Das änderte sich erst mit dem Fall des Augsburger Robotik-Konzerns Kuka. Es folgten die Fälle Aixtron, Leifeld und insbesondere 50Hertz. Seither ist einiges geschehen. Die Politik ist aufgewacht, deutlich früher als die Wirtschaft.

Die jüngste Reform der Außenwirtschaftsverordnung erschwert zumindest den Zugriff auf kritische Infrastruktur. Auch auf EU-Ebene wurden die Klingen geschärft: Immer dann, wenn der Verdacht besteht, dass ein Nicht-EU-Unternehmen mit Unterstützung des Heimatstaates agiert und dessen strategische Interessen verfolgt, soll die EU-Kommission genauer hinschauen dürfen und zur Not einschreiten können.

Das alles ist maßvoll und vernünftig. Nichts deutet im Übrigen darauf, dass jemand das Ziel verfolgt, die neuen Instrumente ständig einzusetzen. Es sollte genügen, sie im Schaufenster liegen zu haben. Die Wirtschaft hat die entsprechenden Reformvorhaben in den vergangenen Monaten und Jahren noch äußerst kritisch verfolgt.

Was der BDI jetzt fordert, ist nichts weiter als die konsequente Weiterentwicklung der zuletzt in Brüssel beschlossenen Maßnahmen. Zu den Kernforderungen des Verbands zählt, staatlich finanzierte Übernahmen europäischer Technologieunternehmen zu kontrollieren und notfalls zu verhindern. Wer wollte sich dieser Forderung widersetzen.

Der Wert offener Märkte ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Man kann diese offenen Märkte aber nicht gegen Gegner verteidigen, die nach ihren eigenen Regeln spielen.

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