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Bankenexperte James Stent

"Chinas Banken wissen, dass ihnen die Erfahrung fehlt"

James Stent saß zwölf Jahre im Aufsichtsrat zweier chinesischer Banken. Ein Gespräch über den schwierigen Balanceakt zwischen Staat und Markt.

Handelsblatt.com vom 03.10.2018 17:46:28 Uhr

Für sein Buch “China”s Banking Transformation” greift der Amerikaner James Stent auf seine zwölfjährige Erfahrung in den Aufsichtsräten der China Minsheng Bank und China Everbright Bank zurück. Darin rechnet er mit all denen ab, die immer wieder den wirtschaftlichen Kollaps Chinas vorhergesagt haben.

Herr Stent, wie sieht die Aufgabe einer Großbank in China aus?

In China haben Banken zwei Aufgaben: Zum einen müssen sie den Vorgaben der Kommunistischen Partei folgen und die nationale Entwicklung unterstützen, zum anderen wird aber auch ausdrücklich gewünscht, dass sie effizient sind, Gewinne machen und die Gesellschafter zufriedenstellen.

Das klingt nach einem schwierigen Spagat. Ist so viel Staat gut für ein Finanzsystem?

Die Transformation der Banken in gut geführte, effiziente Geldhäuser im vergangenen Jahrzehnt war extrem förderlich für das kontinuierliche Wirtschaftswachstum Chinas. Die Regierung möchte, dass es viel Wettbewerb zwischen ihnen gibt – auch wenn der Staat ihr Eigentümer ist.

Wird es eines Tages auch chinesische Banken geben, die zu hundert Prozent privat sind?

Ich denke nicht, dass die Regierung die vier großen Banken privatisieren wird. Der Staat wird weiterhin die Kontrolle behalten wollen, weil die Institute auch strategische Instrumente sind, mit denen man die Wirtschaft lenken kann. Ich könnte mir aber vorstellen, dass Peking irgendwann zulässt, dass lokale Banken privatisiert werden.

Peking hat den Finanz- und Versicherungssektor für ausländische Investoren geöffnet. Was heißt das?

Die Amerikaner wollen gerne glauben, dass China diesen Schritt gemacht hat, weil Washington darauf bestanden hat. Aber tatsächlich erwartet China für sich selbst Vorteile durch die Öffnung. Ich denke, dass in der Versicherungsbranche sowie im Wertpapierhandel vor allem europäische Expertise willkommen ist.

Chinas Verschuldung liegt bei 260 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Bereitet Ihnen das Sorgen?

Die Geschwindigkeit, mit der die Schulden in den letzten Jahren gewachsen sind, ist besorgniserregend. Es ist ein großes, aber lösbares Problem. Denn die meisten Schulden gehören Staatsunternehmen, die Kredite von chinesischen Banken bekommen haben. Nur ein kleiner Teil davon ist in Fremdwährung. Damit unterscheidet sich China schon mal von Ländern wie Thailand und Südkorea 1998 und der Türkei heute. Außerdem darf man nicht unterschätzen, wie groß der Einfluss des Staates auf die Wirtschaft ist. Es ist schon seit Langem klar, dass China seine Schulden verringern möchte.

Welche Folgen hat der Handelskrieg mit den USA für Chinas Schuldenpläne Pläne?

China steht vor einem Dilemma: Die Regierung musste ihren langfristigen Plan für den Schuldenabbau erst einmal beiseitelegen, Liquiditätshilfen bereitstellen und hoffen, dass das Problem sie später nicht überrollt. Der Staat kann ja nicht zulassen, dass die Wirtschaft jetzt zusammenbricht. Aber was genau passieren wird, weiß niemand, weil auch niemand weiß, was Trump als Nächstes macht.

Wird es eines Tages auch eine globale Bank mit chinesischen Wurzeln geben?

Die chinesischen Banken haben derzeit nicht diesen Anspruch. Bisher sind sie den eigenen Unternehmen ins Ausland gefolgt. Die Geldhäuser wissen, dass ihnen die Erfahrung und das Netzwerk fehlt. Aber jetzt werden sie von Peking dazu gedrängt, die Belt-and-Road-Initiative zu unterstützen. Gegen diesen Druck versuchen sie sich zu wehren. Denn wenn es in China Probleme gibt, spricht der Bankdirektor mit dem Parteichef, und dann sucht man gemeinsam nach einer Lösung. Wenn im Ausland etwas schiefgeht, funktioniert das natürlich nicht.

Herr Stent, vielen Dank für das Interview.

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