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Finanzinstitute

Chinas Banken sind die größten der Welt - und trotzdem eine zögerliche Macht

Chinas Banken konzentrieren sich lieber auf ihren Heimatmarkt, statt international mitzuspielen. Die Gründe dafür liefen zum Teil noch in der Mao-Ära.

Handelsblatt.com vom 03.10.2018 18:18:36 Uhr

Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Nimmt man die Größe der Bilanz als Maßstab, dann dominieren Chinas Banken die Finanzwelt. Mit einer Bilanzsumme von über vier Billionen Dollar und über 16 000 Zweigstellen führt die Industrial and Commercial Bank of China (ICBC) die globale Rangliste der größten Geldhäuser an.

Auf den Plätzen zwei, drei und vier folgen die China Construction Bank (CCB), die Agricultural Bank of China (ABC) und die Bank of China (BoC). Die ersten westlichen Institute lassen sich mit BNP Paribas aus Frankreich und HSBC aus Großbritannien erst auf den Plätzen sechs und sieben finden.

Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen Chinas großen Geldhäusern und ihren westlichen Konkurrenten: BNP Paribas und HSBC sehen die ganze Welt als ihren Markt. ICBC und Co. konzentrieren sich dagegen nach wie vor sehr stark auf ihre Heimat.

Ginge es nach dem Willen der Regierung in Peking, dann würden die großen Staatsbanken ihre Macht auch sehr viel stärker auf dem internationalen Parkett ausspielen, vor allem, um Chinas ehrgeizige Wirtschaftspläne im Ausland voranzutreiben. Aber die Großbanken zögern, weil sie Angst vor Rückschlägen haben.

James Stent, Autor des Buches “Chinas Banking Transformation”, bezweifelt, dass sich einer oder mehrere der chinesischen Finanzriesen in einen globalen Giganten verwandeln werden. Es fehle ihnen an Erfahrung und einem historisch gewachsenen Netzwerk.

Die CCB nahm erst 2014 ihren ersten Geldautomaten außerhalb des chinesischen Festlands in Betrieb – und zwar in Hongkong. Die ICBC läge in der Rangliste der weltweiten Banken abgeschlagen auf dem 61. Platz, wenn man nur ihre internationalen Geschäfte berücksichtigen würde.

Ein hochrangiger Manager der ICBC führt das Überseegeschäft “hauptsächlich auf die enorme Nachfrage von chinesischen Unternehmen zurück, die entweder global expandieren oder an der “Belt and Road Initiative” der chinesischen Regierung teilnehmen, die im deutschen Sprachraum auch als “neue Seidenstraße” bekannt ist. Derzeit unterstützt die ICBC im Rahmen des größten Infrastrukturprogramms der Welt 212 Projekte mit Darlehen im Wert von 67,4 Milliarden Dollar.

Ähnlich beurteilt die BoC die Lage, die an mehr als 500 Belt-and-Road-Projekten beteiligt ist. Dafür hat das Geldhaus in den vergangenen drei Jahren Kredite von rund hundert Milliarden Dollar an ausländische Regierungen und Regionen vergeben.

Unsicheres Ausland

Bankenexperte Stent zweifelt jedoch, dass die vier Großbanken das ganz freiwillig tun. “Sie werden von Peking gedrängt, die – Belt and Road Initiative” zu unterstützen”, sagt er. Stent geht davon aus, dass die Geldhäuser versuchen, diesem Druck auszuweichen.

Denn das internationale Geschäft sei unsicher, das politische Risiko durch Regierungs- und Richtungswechsel hoch, wie Jiang Yisheng, der Vorstandschef von ICBC Asia, in einem Interview gegenüber der “South China Morning Post” gestand. “Am liebsten würden wir gar keine Auslandsinvestitionen allein tätigen, wenn nicht schon lokale Zweigstellen involviert wären.”

Während das Auslandsgeschäft der BoC 2017 noch fast 30 Prozent des Gesamtgewinns ausgemacht hat, fiel der Anteil dieses Jahr auf 22 Prozent. Auch für die CCB fiel der Nettogewinn aus den Überseegeschäften im ersten Halbjahr 2018 um gut zwölf Prozent auf rund 700 Millionen Dollar.

Um zu verstehen, warum sich solch riesige Geldhäuser im Ausland noch immer so schwer tun, muss man die Geschichte der vier Großbanken verstehen. In der Mao-Ära war die People”s Bank of China sowohl Notenbank als auch kommerzielles Kreditinstitut. 1979 wurden ABC, BoC und CCB aus der Zentralbank gelöst. 1984 folgte die ICBC. Erst zwischen 1993 und 2010 kam dann die Transformation der Banken von “Kassen” zu modernen Geldhäusern, die einen kundenorientierten Service bieten und professionell gemanagt werden.

Ein Grund für die internationale Zurückhaltung der chinesischen Bankriesen könnten auch die Probleme auf dem Heimatmarkt sein. Chinas Unternehmen schieben einen gigantischen Schuldenberg vor sich her, der sich im ersten Quartal 2018 auf über 164 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung summierte. Seit mehr als einem Jahr will die Staatsführung mit strengeren Kontrollen den Schuldenberg abbauen. Die Regeln für die Kreditvergabe wurden verschärft, riskanteren Geschäften ein Riegel vorgeschoben.

Faule Kredite

Tatsächlich konnten die vier großen Banken 2017 ihre faulen Kredite reduzieren. So stufte die ICBC 1,55 Prozent ihrer Darlehen als nicht rückzahlbar ein. 2016 waren es noch 0,07 Prozent mehr. Die BoC konnte das Verhältnis der notleidenden Darlehen zur Bilanzsumme sogar um einen Prozentpunkt auf 1,45 Prozent verringern.

Faule Kredite seien vor allem das Problem kleinerer Banken, die nun stark unter der verschärften Behördenaufsicht leiden, meint Dong Ximiao, Senior Fellow am Chongyang-Finanzinstitut der renommierten Renmin-Universität. Die Guiyang Rural Bank zum Beispiel berichtete, dass das Verhältnis zwischen faulen Krediten und der Bilanzsumme innerhalb eines Jahres von vier auf 19,5 Prozent stieg.

Der Handelskrieg mit den USA und seine möglichen Folgen für die chinesische Wirtschaft haben zuletzt allerdings das Augenmerk der Regierung vom Schuldenabbau abgelenkt. Peking hat wieder begonnen, Banken zu ermutigen, mehr Investments für Unternehmensanleihen zu sammeln und auch anderen Kreditnehmern Zugang zu mittelfristigen Darlehen zu gewähren. Dong bleibt dennoch optimistisch, was den Schuldenabbau angeht: “Die Regierung wird das Projekt weiter vorantreiben – wenn auch langsamer.”

In einer Rede auf dem Sommer-Weltwirtschaftsforum in Tianjin Mitte September versicherte Ministerpräsident Li Keqiang, dass China trotz des Handelskriegs die Verschuldungsrate stabil halten wolle. Doch ein hochrangiger Mitarbeiter der Banken- und Versicherungsaufsicht warnte unlängst, dass das Volumen der notleidenden Darlehen dieses Jahr noch weiter steigen werde.

Chinas Banken haben auf dem Heimatmarkt also noch reichlich Arbeit vor sich. Statt im Ausland Erfahrungen zu sammeln, wünschen sich die Institute, dass internationale Geldhäuser in die Volksrepublik kommen. Im Frühjahr verkündete Peking die Öffnung des Finanz- und Versicherungssektors für ausländische Investoren. Deren Bilanzsumme in China war zwar zwischen 2007 und 2015 von 6,9\x{2005}Billionen auf 31,7 Billionen Dollar gewachsen, aber ihr Marktanteil fiel von 2,4 auf 1,4 Prozent.

Die erste Welle von China-Beteiligungen westlicher Institute wie Bank of America oder HSBC war 2008 während der globalen Finanzkrise verebbt. “Nachdem Peking gesehen hatte, welcher Schaden von den Wall-Street-Banken angerichtet werden konnte, verlor das westliche Modell erst einmal an Attraktivität”, erklärt Bankenexperte Stent.

Nun allerdings möchte Peking mehr Investitionen, aber auch Expertise für die Entwicklung der Kapitalmärkte ins Land locken. “Einige der kleineren Banken könnten sogar privatisiert werden”, meint Dong. Doch für die großen vier schließt der Experte das aus. Ein solch wichtiges Instrument zur Kontrolle der Wirtschaft werde Peking nie freiwillig aus der Hand geben.

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