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Apollo

Baidu will künftig bei seinem Betriebssystem fürs autonome Fahren mit BMW zusammenarbeiten

Baidu will sein Betriebssystem zum Android des autonomen Fahrens machen. Helfen sollen strategische Partner. Mit BMW ist nun eine Absichtserklärung unterzeichnet worden.

Handelsblatt.com vom 10.07.2018 09:42:07 Uhr

Der blaue Ford Lincoln fädelt in die Linksabbiegerspur ein und beschleunigt auf 55 Stundenkilometer. Baumreihen und Bürohäuser mit spiegelnden Außenflächen fliegen vorbei, ein paar Fußgänger warten an der Haltestelle auf die Straßenbahn nach Downtown Sunnyvale. Während der Fahrt berühren die Hände von Baidus Testfahrer das Lenkrad nicht. Der Ford Lincoln fährt autonom.

In der kalifornischen Provinz fernab der chinesischen Heimat entwickelt der Google-Rivale seine autonomen Fahrzeuge. Apollo haben die Chinesen die zugehörige Plattform genannt, nach der Raumfahrt-Mission der Amerikaner, die das erste Mal einen Menschen auf den Mond beförderte.

Der Name entspricht dem Ehrgeiz der Chinesen. Qi Lu, der ehemalige Chef von Baidus operativem Geschäft, nannte die Plattform das “Android der autonomen Fahrindustrie”, sie solle nur “offener und kraftvoller” werden als Googles mobiles Betriebssystem.

Das Wettrennen um die Technologieführerschaft beim autonomen Fahren gewinnt an Fahrt. Bislang fährt die Google-Schwester Waymo allen Rivalen davon. “Waymo hat ein phänomenales System entwickelt und befindet sich klar vor den anderen”, urteilt Brian Collie von der Beratungsfirma Boston Consulting Group. Die Einheit unter Leitung von John Krafcik bietet als einziges Unternehmen in einem Pilotprogramm Mietfahrten mit Level-4-Autonomie an, in dem das Auto ohne Mensch hinter dem Steuer auf vorgeplanten Routen unterwegs ist.

Doch die Konkurrenz macht Jagd auf den Pionier. Baidu will Google mit seinen eigenen Waffen schlagen. Es kopiert die Philosophie des Suchmaschinen-Giganten: Wie das mobile Betriebssystem Android öffnet es seine Plattform für das autonome Fahren, um im Gegenzug Reichweite und Marktmacht zu gewinnen. Programmierer erhalten bei Apollo freien Zugriff auf Daten, offenen Programmiercode und Hardware-Komponenten.

Das autonome Fahren werde die Welt fundamental verändern, begründet Jinghao Miao, der die Apollo-Entwicklung in Sunnyvale leitet, die Entscheidung. “Wir glauben nicht, dass eine Firma all das allein entwickeln kann oder sollte.” Bislang geht die Strategie der Chinesen auf.

Nach Ansicht des renommierten Marktbeobachters Jim Hines von Tech Insights bietet Apollo zahlreiche Vorteile. “Auf einer offenen Plattform kann die autonome Technologie schneller entwickelt und an den Markt gebracht werden”. Apollo sei beeindruckend schnell vorangekommen, urteilt der Automobil-Experte Jeffrey Gui von der Beratungsfirma AT Kearney. Zwischen der im Januar vorgestellten Version 2.0 und der im April ausgerollten 2.5 gebe es signifikante Unterschiede bei Preis und Leistung.

Seit dem Start von Apollo im Juli 2017 beteiligten sich 118 Unternehmen an der Plattform, unter ihnen die Autobauer Daimler, Ford und BMW, aber auch Zulieferer wie Bosch, Continental und Nvidia. Auch zahlreiche chinesische Hersteller machen mit.

Am Ende sollen auch strategische Partnerschaften mit den deutschen Herstellern stehen. Am Dienstag verkündeten BMW und Baidu eine entsprechende Absichtserklärung. BMW soll demnach Mitglied im Vorstand von Apollo werden. Offen ist aber noch, wie konkret die Zusammenarbeit ausgestaltet werden soll. Insbesondere beim Thema Datenschutz vertreten die deutschen Hersteller und die chinesischen Technologieunternehmen bislang unterschiedliche Auffassungen.

Bislang bauen Autobauer wie BMW oder Daimler ihre autonome Fahrzeuge eigenständig, um die Kontrolle über die Technologie und Fahrzeugdaten zu behalten. Doch sie musste zuletzt immer wieder erkennen, dass sie sich frühzeitig bei der Abstimmung relevanter Standards mit anderen Mitspielern dieser Technik einbringen müssen, um ein Mitspracherecht zu bewahren.

BMW-Vorstandsmitglied Klaus Fröhlich sagt über die Absichtserklärung mit Baidu: “Wir streben nach weltweit einheitlichen Technologiestandards, um die regionalen Unterschiede bei Umsetzungstempo und Regulatorik zu beseitigen.” Partnerschaften wie die mit Baidu seien “ein Schlüssel” zum Erfolg und könnten die Angleichung von technischen Ansätzen und Anforderungen beschleunigen.

Der offene Austausch mit den Chinesen hat aber seinen Preis. “Baidu stellt seine Technologie frei zur Verfügung, um im Gegenzug Zugriff auf die Fahrdaten der Autobauer und Zulieferer zu erhalten”, sagt Hines. “Jeder Hersteller muss selbst entscheiden, ob er diesen Handel eingeht.”

“Wir verstehen die Bedenken der Autobauer total”, wirbt der Baidu-Manager Miao. Doch er bleibt dabei: “Wir empfehlen unseren Partnern, ihre Daten beizutragen. Es gibt diese Philosophie: Je mehr man teilt, desto mehr bekommt man vom Ökosystem zurück.” Apollo wolle eine “Win-Win-Situation” für beide Seiten schaffen. “Die Internet-Industrie und die Autobauer müssen sich in der Mitte treffen.”

Baidu steuert zur Plattform die entsprechenden Fahralgorithmen, zugehörige Cloud-Dienstleistungen für die Datenverarbeitung und eigene Fahrdaten bei. Hier sieht das Unternehmen seine Stärke – auch bei Fragen der Datensicherheit. Apollo-Vorbild Android ist wegen seiner Offenheit bekannt dafür, mehr Schadsoftware zu verbreiten als Apples iOS. Bei Apollo werde die Qualität der einlaufenden Daten “permanent auf ihre Qualität hin geprüft”, versichert Miao.

Die Roboterautos stehen im Zentrum des strategischen Wandels, den Baidu sich selbst verordnet hat. Die Technologie soll den Online-Konzern weniger abhängig vom Kerngeschäft mit digitaler Werbung machen. Seine Zukunft sieht das Unternehmen in Geschäftsfeldern rund um künstliche Intelligenz (KI), darunter der Plattform für fahrerlose Autos. Der neue Baidu-Chef Robin Li erklärte, im Juli mit der Massenproduktion autonomer Kleinbusse zu beginnen. Dazu ging das Unternehmen eine Kooperation mit dem Fahrzeughersteller King Long ein.

Die Anstrengungen dürften sich auszahlen. Die Investmentbank Goldman Sachs prognostiziert, dass der Umsatz im Taxi- und Transportgeschäft durch den Einsatz von Robotertechnik von heute fünf Milliarden Dollar bis 2030 auf 285 Milliarden Dollar steigen könnte. Nach Aussagen von Apollo-Architekt Miao will Baidu später auch mit Software-Dienstleistungen rund um das autonome Fahrzeug Geld verdienen.

Der Standort in Silicon Valley besitzt für Baidu strategische Bedeutung. Er soll “talentierte und erfahrene Programmierer” anlocken, sagt Apollo-Manager Miao. Das erste Büro in Silicon Valley eröffnete Baidu 2011. In Sunnyvale werkeln heute etwa 150 Ingenieure an Baidus Roboterauto. Rund um das Büro, testet der Hersteller die Roboterautos auf kalifornischen Straßen. Auch in China sind die Apollo-Fahrzeuge unterwegs.

Dort erhielt Baidu im März als erstes Unternehmen die Erlaubnis, selbstfahrende Level-3-Autos auf einer insgesamt 105 Kilometer langen Strecke mit Land- und Stadtstraßen in einem abgeriegelten Gebiet im Norden Pekings zu fahren. Unterstützung kommt von höchster Stelle. Im Zuge des Plans der chinesischen Regierung, künstliche Intelligenz zu fördern, ernannte Peking Baidu im November 2017 zum “Teamkapitän” für die Sparte “autonomes Fahren”.

Der Internet-Riese soll eine für andere Unternehmen und Entwickler offene Plattform betreuen und später entscheidend an der Standardsetzung in diesem Bereich arbeiten. Konkurrenz von der mächtigen Alphabet-Tochter Waymo hat Baidu im chinesischen Digital-Ökosystem nicht zu befürchten – hier ist Google außen vor. Apollo sei damit de facto bisher das einzige autonome Fahrsystem für Autobauer in China, sagt der Automobil-Experte Gui. Dies werde wohl auch in den nächsten zwei bis drei Jahren so bleiben.

Mögliche Konkurrenten wie Tencent und Alibaba hätten schließlich noch später als Baidu angefangen und müssten daher noch viel aufholen. Dennoch sei das Apollo-System “momentan weder so reif noch so weit entwickelt wie die von anderen Unternehmen”, meint Gui und verweist auf Alphabets Waymo, die seit 2015 Testfahrdaten von über eine Milliarden Meilen eingesammelt haben.

Nach Zahlen des kalifornischen Department of Motor Vehicles liegt Baidu bei Tests auf amerikanischem Boden weit hinter der Google-Schwester. Zwischen Oktober 2016 und Oktober 2017 mussten Baidus Testpiloten bei autonomen Fahrten etwa alle 66 Kilometer wieder das Lenkrad übernehmen, die Waymo-Fahrer griffen erst nach 5596 Kilometern ein. Den Ehrgeiz des Apollo-Architekten Miao schmälert dies nicht. “Wir testen jede Menge und werden schneller”, verspricht er.

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